Vis á Vis
Elizabeth-T-Spira-Promenade 2 Wien 1030 Österreich
Mit Ambition ans Ziel
Ästhetisch anspruchsvolle Architektur mit der großen Aufgabe, leistbares Wohnen anzubieten, dieser Herausforderung hat sich das Projekt „Vis-à-Vis“ im dritten Wiener Gemeindebezirk gestellt. Die Mission ist gelungen: Der realisierte Wohnbau ist dabei nicht nur Vorbild im Planungs- und Bausektor für Maßnahmen zum Klimaschutz, sondern gilt auch als „Demonstrationsgebäude“ für zukünftige Bauvorhaben in dieser Größenordnung, entwickelt im Rahmen des Forschungsprogramms „Stadt der Zukunft“. Materialeinsatz, Energieversorgung und Ressourcennutzung wurden über den gesamten Lebenszyklus hinweg ganzheitlich betrachtet, die CO₂-Emissionen wurden in der Errichtungsphase um rund 40 Prozent reduziert im Vergleich zu konventionellen Bauweisen.
Eine Besonderheit des Pilotprojekts, errichtet von der Schwarzatal – Gemeinnützige Wohnungs- und Siedlungsanlagen GmbH nach Plänen von feld72 architekten und einszueins architektur, ist die partizipative Entwicklung durch eine eigens dafür gegründete Baugruppe namens Vis-à-Wien, die es in engem Austausch mit den Architekt*innen geschafft hat, einerseits die Wohnbedürfnisse verschiedener Generationen und Lebenssituationen durch unterschiedliche Wohnungstypen zu füllen und die soziale Durchmischung zu fördern, andererseits durch die Einrichtung von Kindergarten, SOS-Kinderdorf, Gastronomie, Werkstätten und Co-Working-Spaces sowie von Landschaftsarchitektin Carla Lo gestalteten Grünräumen, vertikal begrünten, nach Süden ausgerichteten Laubengängen und Gründächern das gesamte Quartier zu bereichern.
Mehr als ein Holzbau
Architektonisch basiert das Gebäude auf einer konsequent entwickelten Holzhybridbauweise: Auf einem konstruktiv notwendigen Stahlbetonsockel setzen drei mehrgeschossige Holzbaukörper auf. In den „Gelenken“ zwischen den Bauteilen befindet sich die vertikale Erschließung, von der aus über Laubengänge die einzelnen Wohneinheiten erreichbar sind. Dieses Konzept bildet das architektonische „Rückgrat“ des gesamten Projekts. Ab dem zweiten Obergeschoss kommen überwiegend Brettsperrholzdecken zum Einsatz, die sowohl zur deutlichen Reduktion der CO₂-Emissionen beitragen als auch die räumliche Qualität der Wohnungen prägen. Sichtbare Holzoberflächen, vorgefertigte Holzfassaden und die warme Materialität des Innenraums machen die Konstruktion unmittelbar erlebbar. „Das Besondere an Vis-à-Vis liegt darin, dass der Holzbau hier nicht als reine Konstruktionstechnik verstanden wird, sondern als integraler Bestandteil eines sozialen, ökologischen und städtebaulichen Gesamtkonzepts“, sagt Architekt Richard Scheich von feld 72. „Das Projekt verbindet mehrgeschossigen Holzbau mit gefördertem Wohnbau, gemeinschaftlichen Wohnformen und ambitionierten Klimazielen – eine Kombination, die in dieser Größenordnung in Wien bislang selten umgesetzt wurde.“
Brandschutz im Fokus
„Die Besonderheit war gleichzeitig die größte Herausforderung: Grundsätzlich ist es in Österreich nur bis sechs Geschoße einfach möglich Holz konstruktiv ohne individuelles Brandschutzkonzept einzusetzen. Da der Baukörper des Vis-à-Vis größer ist, waren die brandschutztechnischen Abstimmungen sehr intensiv. Ein Brandversuch in Kombination mit weiteren baulichen Kompensationsmaßnahmen hat den Holzbau schließlich ermöglicht. Der enge Kostenrahmen des geförderten Wohnbaus hat die Sache zwar nicht erleichtert, dafür sind die Erkenntnisse breiter skalierbar“, sagt Architekt Sebastian Pernegger von einzueins. Auch Richard Scheich von feld 72 verweist einmal mehr auf das hohe Maß an planerischer Präzision, die ein mehrgeschossiger Holzbau erfordert, insbesondere in den Bereichen Brandschutz, Schallschutz und Genehmigungsfähigkeit: „Da großvolumige Holzbauten im geförderten Wohnbau noch nicht zum Standard gehören, mussten gemeinsam mit Fachplaner*innen, ausführenden Unternehmen und Behörden innovative, zugleich aber wirtschaftliche und genehmigungsfähige Lösungen entwickelt werden. Besondere Bedeutung kam dabei dem Brandschutz zu.“ Für Fassaden- und Deckenkonstruktionen wurden eigene Brandversuche durchgeführt, um die hohen sicherheitstechnischen Anforderungen nachweisen zu können. Die gewählte Hybridkonstruktion – mit Stahlbetonsockel und massiven Erschließungskernen sowie überwiegend in Holz ausgeführten Wohnbereichen – war dabei ein wesentlicher Bestandteil des technischen Gesamtkonzepts. Die Entscheidung für den Einsatz der RIGIPS Riduro Holzbauplatte fiel aufgrund dieser besonderen Herausforderung. Auf Basis der projektspezifischen Anforderungen inkl. dem Anschluss an die Massivholzdecke wurde ein System mit ISOVER Steinwolle und RIGIPS Riduro dafür abgestimmt und positiv geprüft, um den Brandschutz zu 100 Prozent zu gewährleisten.
Logistische Meisterleistung
Tragende Außenwände – Holzriegelwände mit integrierten Massivholzstützen – und die Fassade aus Fichten- und Lärchenholz wurden im Werk von Holzbauexperten Weissenseer vorgefertigt. Während die Geschossdecken ab dem zweiten Obergeschoss als massive Brettsperrholzdecken mit einer Stärke von 18 bis 23 Zentimetern umgesetzt wurden, ist auch ein Teil der Innenwände in Brettsperrholz ausgeführt, der Großteil der Zwischenwände wurde aus Stahlbeton realisiert. Wenn es konstruktiv erforderlich war, wurden Holz-Beton-Verbunddecken verbaut, beispielsweise für den Anschluss der Balkone. „Besonders herausfordernd war das Springen zwischen der Montage der im Werk vorgefertigten Fassadenelemente und mit dem Verlegen der Decken. Wir haben quasi in drei Montageabschnitten gearbeitet, um möglichste viel mit zwei Kränen zu bewerkstelligen“, erzählt Projektleiter und Holzbaumeister Paul Kohlmaier von Weissenseer. Der Wandkern der Fassadenelemente ist mit der RIGIPS Riduro Holzbauplatte beidseitig beplankt und schützt diesen vor dem Brandeintrag. Zusätzlich wurden die Wandelemente mit ISOVER Ultimate Wärmedämmung befüllt. Abschließend wurde über der Fassadenbahn eine Unterkonstruktion für die eigentliche Fassade montiert.
Baustellentafel:
OBJEKT: "VIS À VIS" – Village im Dritten, Baufeld 11B, Wohnhausanlage, Elizabeth-T-Spira-Promenade 2, 1030 Wien
ARCHITEKTUR: einzueins architektur ZT GmbH, Krakauer Straße 19/2, 1020 Wien & feld72 architekten ZT GmbH, Josefstädter Straße 74, 1080 Wien
GENERALUNTERNEHMER: Porr Bau GmbH, www.porr.at
PRODUKTE:
FACHBERATUNG: Wolfgang Kramberger, Fachberatung Holzbau Mitte (OÖ, Stmk, Ktn) bei Saint-Gobain Austria
fotocredit: © Herta Hurnaus